Der Riesenwattwurm von Norderney

Aufgezeichnet von Kapitän Hauke Janssen, 15. März 1891.

An jenem nebligen Morgen des 12. März 1891 sollte ich, Kapitän Hauke Janssen, Zeuge eines Ereignisses werden, das die Grenzen meines Verstandes sprengte und bis heute in den Köpfen der Inselbewohner von Norderney spukt.

Es war Ebbe, und ich unternahm meinen gewohnten Kontrollgang am Strand, als plötzlich zwei meiner Matrosen atemlos auf mich zugerannt kamen. Sie stammelten etwas von einem „Ungeheuer“, das an der Nordspitze der Insel angeschwemmt worden sei. Skeptisch, aber neugierig, folgte ich ihnen.

Was ich dann sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Dort, halb im Watt versunken, lag die größte Kreatur, die ich je zu Gesicht bekommen hatte. Es war ein wurmartiges Wesen von unglaublichen Ausmaßen – mindestens 30 Meter lang und so dick wie drei Männer zusammen. Seine Haut schimmerte bräunlich-rot und war von unzähligen Borsten bedeckt. Am Kopfende erkannte ich mehrere tentakelartige Auswüchse, die sich schwach im Morgennebel bewegten. Das Wesen lebte noch! Ein leises, tiefes Brummen ging von ihm aus, das die Erde unter unseren Füßen erzittern ließ.

Wir standen wie versteinert da, unfähig zu begreifen, was wir sahen. War dies der sagenumwobene ,,Riesenwattwurm“, von dem die alten Fischer manchmal tuschelten? Eine Kreatur, die angeblich in den tiefsten Gräben der Nordsee hauste und nur alle paar hundert Jahre an die Oberfläche kam?

Eilig schickte ich einen Boten ins Dorf, um Hilfe zu holen. Doch als wir zwei Stunden später mit Verstärkung zurückkehrten, war das Wesen verschwunden. Zurück blieb nur eine riesige, schleimige Spur, die sich ins Meer zog, und der beißende Geruch nach Schwefel und Tang.

Viele halten diese Geschichte für einen Schwindel oder die Ausgeburt meiner Fantasie. Doch ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: An jenem Morgen im März 1891 begegnete ich einer Kreatur, die nicht von dieser Welt zu sein schien.

Die Fischer von Norderney sind seither vorsichtiger geworden. In stürmischen Nächten, wenn der Wind heult und die See tobt, erzählen sie sich noch immer von dem Tag, an dem der Riesenwattwurm an Land kam – und fragen sich, wann er wiederkehren wird.