Aufgezeichnet von Gretje Willems am 3. November 1967.
Es war ein stürmischer Herbstabend, als sich in meinem Gasthaus „Zum goldenen Hering“ etwas Unheimliches zutrug. Der Wind heulte um die alten Mauern, und der Regen peitschte gegen die Fensterscheiben. Nur wenige Gäste hatten sich in dieser ungemütlichen Nacht zu mir verirrt.
Gegen 22 Uhr öffnete sich knarrend die Tür, und ein hochgewachsener Mann in einem altmodischen Seemannsmantel trat ein. Sein Gesicht war von einem breitkrempigen Hut verborgen, und Wasser tropfte von seinem Gewand auf den Boden. Ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich an einen Tisch in der dunkelsten Ecke des Raumes. Ich ging zu ihm, um seine Bestellung aufzunehmen, doch als ich näher kam, durchfuhr mich ein eisiger Schauer. Der Mann schien… durchsichtig zu sein. Ich konnte die Wand hinter ihm durch seinen Körper hindurch erkennen!
Mit zitternder Stimme fragte ich, was ich ihm bringen dürfe. Er hob langsam den Kopf, und unter der Hutkrempe blickten mich zwei leuchtend grüne Augen an, die wie Seefeuer in der Dunkelheit glommen. Mit einer Stimme, die klang wie das Rauschen der Wellen, sagte er: „Bring mir den Krug, den Jan van Valckenborch vor hundert Jahren hier vergessen hat.“
Erschrocken wich ich zurück. Woher kannte dieser unheimliche Gast den Namen des legendären Kapitäns, der vor einem Jahrhundert in einem schrecklichen Sturm am Dollart verschollen war? Und woher wusste er von dem alten Steinkrug, der seit Generationen in meiner Familie aufbewahrt wurde? Wie in Trance ging ich in den Keller und holte den verstaubten Krug hervor.
Als ich zurück in den Schankraum kam, war der Tisch in der Ecke leer. Der unheimliche Gast war verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Nur ein feuchter Fleck auf dem Stuhl zeugte davon, dass er wirklich hier gewesen war.
In dieser Nacht hörten die Fischer draußen auf dem Dollart ein gespenstisches Lachen über das Wasser hallen, und manch einer will ein Geisterschiff mit grünen Lichtern gesehen haben, das gegen den Sturm segelte. Seit jenem Abend steht der alte Steinkrug wieder auf dem Tresen meines Gasthauses. Manchmal, wenn der Wind vom Meer her weht, meine ich ein leises Flüstern daraus zu hören – als ob der ruhelose Geist des Jan van Valckenborch endlich seinen Weg nach Hause gefunden hätte.