Aufzeichnungen von Enna Visser, Volkskundlerin.
,,Im Spätsommer 1967 erreichten mich seltsame Berichte aus dem kleinen Dorf Moordorf. Die Einwohner erzählten von einem merkwürdigen Phänomen, das sie ,,Das Singende Moor“ nannten. Neugierig geworden, beschloss ich, der Sache auf den Grund zu gehen. Bei meiner Ankunft in Moordorf traf ich auf eine Gemeinschaft, die zwischen Faszination und Furcht schwankte. Jedes Jahr zur Tag-und-Nacht-Gleiche im September, so erzählten mir die Dorfältesten, erwache das Moor zum Leben.
In der Abenddämmerung versammelten sich die Dorfbewohner am Rande des Moores. Als die Sonne unterging, begann es: Ein leises, melodisches Summen erhob sich aus den Tiefen des Moores. Es klang wie ein vielstimmiger Chor, der alte friesische Lieder sang – Lieder, die seit Jahrhunderten nicht mehr gesungen wurden.
Die Melodie schwoll an und ab, mal klagend, mal jubelnd. Einige der älteren Dorfbewohner weinten still, ergriffen von der uralten Musik. Andere begannen im Takt zu wiegen, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft bewegt. Plötzlich erschienen kleine Lichter über dem Moor – wie Glühwürmchen, aber größer und in allen Farben des Regenbogens. Sie tanzten im Rhythmus der Musik, formten Muster und Figuren in der Luft.
Das Schauspiel dauerte genau eine Stunde. Als der letzte Ton verklungen war, verschwanden die Lichter, und das Moor versank wieder in Stille. Die Dorfbewohner erklärten mir, dass dieses Phänomen erst seit drei Jahren auftrat – seit man bei Torfstecharbeiten auf alte Grabbeigaben gestoßen war. Einige glaubten, es seien die Geister ihrer Vorfahren, die sich zu Wort meldeten.
Was auch immer die Ursache sein mag, das ,,Singende Moor“ hat das Leben in Moordorf verändert. Die Menschen pflegen nun alte Traditionen mit neuem Eifer, und das jährliche Ereignis zieht sogar Besucher aus den umliegenden Dörfern an.
Als Volkskundlerin bin ich fasziniert von diesem Phänomen, das Naturerscheinung, Folklore und gemeinschaftliches Erleben so einzigartig verbindet. Es zeigt, wie lebendig und geheimnisvoll die alte Kultur Ostfrieslands noch immer ist.“
Diese Geschichte vom singenden Moor ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie in Ostfriesland Natur, Tradition und das Übernatürliche zu einer einzigartigen kulturellen Erfahrung verschmelzen. Es ist faszinierend zu sehen, wie ein zunächst unerklärliches Phänomen eine ganze Gemeinschaft zusammenbringen und zur Wiederbelebung alter Traditionen führen kann.
Dieser Bericht zeigt eine ganz andere Seite Ostfrieslands – nicht unheimlich oder bedrohlich, sondern voller Magie und kultureller Tiefe.
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