Wunderliche Kreatur

Von einer wunderlichen Creatur am Strande zu Greetsiel

Niedergeschrieben von Hinrich Edzards, Kaufmann, im Jahre des Herren 1721.

Am zehnten Tage des Augustmonats 1721 trug sich am Strande unweit Greetsiel ein Ereigniß zu, welches mir, Hinrich Edzards, noch immer den Schlaf raubet.

Bei Abenddämmerung lustwandelte ich am Meeresufer, da vernahm ich ein seltsames Geräusch. Aus den Schatten der sinkenden Sonne trat eine Creatur, dergleichen meine Augen noch nie erblicket.

Sie hatte den Leib einer Robbe, doch war sie mit Federn bedeckt, gleich denen einer Möve. Ihr Kopf glich dem einer Robbe, doch waren die Augen groß und rund wie die eines Vogels. Anstelle von Flossen hatte sie Schwingen, halb Flügel, halb Flosse.

Die Creatur bewegte sich mit einer Anmuth, die mich in Erstaunen versetzte. Sie glitt über den Sand, als schwämme sie durch die Luft, und ließ dabei einen Ton vernehmen, der weder Vogelgezwitscher noch Robbengebell war.

Als sie sich mir näherte, erstarrte ich vor Furcht. Doch statt mir Leid zuzufügen, blieb sie stehen und neigte den Kopf, als betrachtete sie mich neugierig. Einen Augenblick lang trafen sich unsere Blicke, und ich spürte eine tiefe Weisheit in ihren Augen.

Ehe ich mich’s versah, glitt die Creatur zurück ins Meer, so lautlos, wie sie gekommen. Zurück blieb nur der Geruch von Salz und Tang. Seit jenem Tage habe ich das Wesen nie wieder erblicket, doch ziehe ich oft zur Abenddämmerung an den Strand, in der Hoffnung, es wiederzusehen.

Ich schwöre bei allem, was mir heilig, dass dies die reine Wahrheit ist, so wahr mir Gott helfe.