Aufgezeichnet von Hinrich Schoolmann, Volkskundler, 1963.
In der Nähe von Leer, im Herzen Ostfrieslands, rankt sich eine geheimnisvolle Legende um ein verschwundenes Gewässer, bekannt als die ,,Goldene Brake“. Diese Geschichte, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, verbindet auf faszinierende Weise die raue Natur Ostfrieslands mit übernatürlichen Elementen.
Der Legende nach existierte vor Jahrhunderten in der Nähe des heutigen Dorfes Nüttermoor ein kleiner See, der für sein kristallklares Wasser und seinen ungewöhnlichen Fischreichtum bekannt war. Die Anwohner nannten ihn die ,,Goldene Brake“, weil bei Sonnenuntergang das Wasser golden zu glitzern schien.
Die Besonderheit dieses Sees lag jedoch nicht nur in seiner Schönheit. Es hieß, dass in seiner Tiefe eine Wassernixe lebte, die den See und seine Bewohner beschützte. Sie sorgte für reiche Fischfänge und warnte die Dorfbewohner vor Sturmfluten und anderen Gefahren. Doch die Legende erzählt auch von der Gier der Menschen.
Ein reicher Kaufmann aus der Stadt hörte von dem goldenen Glitzern und war überzeugt, dass sich auf dem Grund des Sees ein Goldschatz befinden müsse. Er beschloss, den See trockenzulegen, um an das vermeintliche Gold zu gelangen. Trotz der Warnungen der Dorfältesten begann er mit seinem Vorhaben.
Als die Arbeiter begannen, einen Kanal zu graben, um das Wasser abzuleiten, soll ein ohrenbetäubender Schrei aus der Tiefe des Sees erklungen sein. Der Himmel verdunkelte sich, und ein gewaltiger Sturm brach los. Als sich das Unwetter legte, war der See verschwunden – aber nicht, weil er trockengelegt worden war. An seiner Stelle befand sich nun ein Moor, in dem der gierige Kaufmann und seine Arbeiter versunken waren.
Die Alten im Dorf erzählen, dass man in mondhellen Nächten manchmal noch das leise Plätschern von Wasser hören kann, als ob der See unter der Mooroberfläche weiterexistiere.Und in besonders stillen Momenten soll man den traurigen Gesang der Nixe vernehmen können, die um ihren verlorenen See trauert. Bis heute warnt diese Legende vor den Folgen von Gier und mangelndem Respekt vor der Natur. Sie erinnert die Ostfriesen daran, dass die Landschaft, in der sie leben, voller verborgener Kräfte ist, die es zu respektieren gilt.
Obwohl die ,,Goldene Brake“ längst verschwunden ist, bleibt ihre Geschichte lebendig. Viele Einheimische glauben, dass das Moor bei Nüttermoor noch immer von der Nixe beschützt wird und dass diejenigen, die mit reinem Herzen kommen, ihren Segen erfahren können.
So ist die Legende von der Goldenen Brake mehr als nur eine alte Geschichte. Sie ist ein Spiegel ostfriesischer Werte, eine Mahnung zur Achtung der Natur und ein Zeugnis für den tiefen Glauben an die magischen Kräfte, die in der Landschaft verborgen liegen.